Erfolgreiche Erhöhung der Patienten-Compliance durch den Einsatz von Nudging


Hält ein Patient seine Therapie und die Anweisungen des Arztes ein, so verhält er sich compliant. Patient compliance bedeutet demnach übersetzt Therapietreue der Patienten. Gerade bei chronisch kranken Patienten, die sich auf eine Dauertherapie und ein Leben mit Einschränkungen einstellen müssen, ist die Therapietreue jedoch häufig erstaunlich tief. Die immer wiederkehrenden erforderlichen Therapiemassnahmen sind eine ständige Erinnerung an ihre Erkrankung. Das führt bei den chronisch kranken Patienten in der Folge häufig zu einer geringeren Bereitschaft zur korrekten Durchführung der Therapiemassnahmen und dadurch zu einer tieferen Compliance. Diese Tatsache stellt für die Ärzte eine grosse Herausforderung dar, da die Therapietreue eine wichtige Voraussetzung für den Behandlungserfolg vieler Krankheiten darstellt. Ein vorzeitiger Therapieabbruch oder das Verstossen gegen den Therapieplan kann zu einer unnötigen Verlängerung oder Intensivierung der Krankheit und in Folge dessen zu sehr hohen Kosten im Gesundheitssystem führen.*


Aus diesen Gründen wird häufig nach Möglichkeiten gesucht, um die Compliance der Patienten zu verbessern. Ermahnungen und Kontrollen können jedoch entgegen diesem Ziel sogar kontraproduktiv wirken und zu Vermeidungsstrategien der Patienten führen.* Eine mögliche Alternative stellt deshalb das Nudging dar, bei dem die Patienten oftmals gar nicht realisieren, dass sie beeinflusst werden. Doch was bedeutet Nudging genau und wie kann es zur Erhöhung der Patienten Compliance eingesetzt werden?


Was ist Nudging?


Nudging bedeutet übersetzt sanft schubsen oder anstossen. Es beschreibt eine Methode, mit der das Verhalten von Menschen systematisch in eine bestimmte Richtung beeinflusst werden kann. Häufig geschieht dies für die Beeinflussten unbewusst in Form von Anreizen und ohne Verbote oder ökonomische Anreize. Die Interessen der Menschen stehen dabei im Vordergrund. Das Ziel ist es demnach, diese in die “richtige” Richtung zu lenken. Massgeblich ist der Begriff durch den Wirtschaftswissenschafter Richard Thaler und den Rechtswissenschafter Cass Sunstein geprägt worden. Richard Thaler hat dargelegt, wie wichtig ein realistisches Menschenbild (begrenzte Rationalität, mangelnde Selbstkontrolle, soziale Präferenzen) anstelle der Annahmen des rein rationl denkenden homo oeconomicus bei der Analyse von ökonomischen Entscheidungen ist. Für seinen Beitrag zur Verhaltensökonomie hat er 2017 den Wirtschaftsnobelpreis erhalten.


Ein bekanntes Beispiel für Nudging ist das Aufkleben eines Fliegen-Stickers als Zielscheibe in Herrenpissoirs. Durch diese Herausforderung hat ein kluger Facility-Manager es geschafft, die Zielgenauigkeit der Männer um 85% zu verbessern.*


Weitere Beispiele für Nudges findet man in den Cafeterien, wo das Obst und Gemüse absichtlich auf Augenhöhe oder in der Reihenfolge vor den Süssigkeiten platziert wird, um die Leute dazu zu bewegen, sich für die gesunde Variante zu entscheiden. Auch beim «Opt-out»-Prinzip handelt es sich um Nudging. In Ländern, in denen dieses Prinzip anstelle des «Opt-in»-Prinzips eingesetzt wird, ist jeder solange Organspender, bis er aktiv dagegen widerspricht. Dadurch kann die Bereitschaft für Organspenden erhöht werden. Es gibt noch unzählige weitere Beispiele für Nudges.


Nudging im Healthcare-Bereich


Im Gesundheitsbereich wird Nudging bisher meist im Zusammenhang mit gesundheitsförderlichem Verhalten wie mehr Sport treiben, nicht trinken oder rauchen usw. eingesetzt und weniger zur Förderung der Patienten-Compliance. Diese Massnahmen sind häufig mit Tracking-Programmen gekoppelt, vor allem im Hinblick auf körperliche Aktivität und die Ernährung. Es gibt jedoch auch einige Möglichkeiten, wie Nudging zur Föderung der Patienten-Complience eingesetzt werden kann.


Ein möglicher Ansatz ist es, die Menschen umfassend zu informieren und ihnen aufzuzeigen, wie wichtig ihre Therapietreue für den Behandlungserfolg ist. Dies kann in speziell ausgearbeitet Kampagnen geschehen aber auch in Form einer umfassenden Aufklärung durch den Arzt, durch den Kontakt zu anderen Betroffenen oder im Eigenstudium.** Den Menschen soll dadurch klar werden, dass sie durch ihr Verhalten einen negativen Einfluss auf den Therapieerfolg haben können und dass dadurch grosse Kosten entstehen.


Eine weitere Möglichkeit ist die SMS-Erinnerung über das Smartphone. Beinahe alle Leute in der Schweiz haben heute ein Smartphone oder zumindest ein Mobiltelefon, mit denen sie SMS empfangen können. Diese Entwicklung bietet die Möglichkeit von kurzen SMS-Benachrichtigungen, wenn es an der Zeit ist, ein Medikament einzunehmen oder weitere erforderliche Therapiemassnahmen durchzuführen. Dieses Vorgehen wird von den Personen als weniger aufdringlich erachtet als beispielsweise ein Anruf und viele Leute sind ohnehin oft an ihrem Mobiltelefon und nehmen eine kurze Nachricht deshalb nicht als störend wahr.*


Eine andere interessante Methode ist eine Lotterie, bei der die Patienten jeden Tag die Möglichkeit haben, einen Geldbetrag zu gewinnen, wenn sie ihre Medikamente ordnungsgemäss einnehmen. Volpp et al. (2008) haben diese Methode in einer Studie untersucht und herausgefunden, dass eine solche Lotterie zu einer signifikanten Verbesserung der Tabletteneinnahme führen kann. In ihrer Studie haben die Teilnehmer jeden Tag die Chance gehabt, einen Geldbetrag von 10 oder 100 USD zu gewinnen, wenn sie ihre Medikamente ordnungsgemäss eingenommen haben. Der Versuch hat zu einer Verbesserung der korrekten Medikamenteneinnahme auf beinahe 98% im Vergleich zur Kontrollgruppe mit rund 80% geführt.***


Zudem gibt es mittlerweile intelligente Pillendosen. Wird eine Tablette aus einer solchen Pillendose nicht rechtzeitig eingenommen, erscheint auf dem Handy eine entsprechende Aufforderung, die den Patienten daran erinnert, seine Tabletten einzunehmen. Auch bei dieser Methode handelt es sich um ein sanftes Anschubsen, das den Patient in die richtige Richtung lenken soll.****


Weiter können auch Formulierungen bei der Compliance einen wichtigen Einfluss haben. Werden Aufforderungen richtig formuliert, können diese einen erheblich Einfluss auf das Verhalten von Personen haben. Dabei sollte die Zielperson direkt und gezielt angesprochen werden und die Aussage sollte an den Anstand der Person und ihr integres Selbstbild appellieren. Ein Beispiel für eine solche Formulierung ist die Aufforderung «Sei kein Betrüger», welche im Vergleich zu «Betrüge nicht» stärker dazu geführt hat, dass weniger Personen in einer Prüfung geschummelt haben.*****


Nudging zur Förderung der Patienten-Compliance ist ein interessantes Gebiet, weil eine hohe Compliance im Gesundheitsbereich ein wesentlicher Aspekt für den Therapieerfolg darstellt. Da das Mitwirken der Patienten dabei zentral ist und Kontrollen oder Ermahnungen eher kontraproduktiv wirken, stellt das Nudging eine attraktive Alternative dar, die es nicht zu vernachlässigen gilt.


Wir halten uns im Gesundheitsbereich laufend auf dem aktuellsten Stand und verfolgen mögliche Trends und neue Ansätze, damit wir Sie immer professionell beraten und unterstützen können.




*https://www.menschenswetter.de/editorial_articles/show/1399/nudging-per-sms-verbessert-therapietreue

**(https://www.haufe.de/compliance/management-praxis/ideen-der-verhaltensoekonomie-fuer-compliance-und-integrity_230130_420484.html

***Volpp, K. G., Loewenstein, G., Troxel, A. B., Doshi, J., Price, M., Laskin, M., & Kimmel, S. E. (2008). A test of financial incentives to improve warfarin adherence. BMC health services research, 8(1), 272.

****https://link.springer.com/article/10.1007/s15006-016-8246-5

*****https://www.haufe.de/compliance/management-praxis/ideen-der-verhaltensoekonomie-fuer-compliance-und-integrity_230130_420484.html

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